Frederik Haber / Martin Suchanek, Infomail 1312, 11. Juni 2026

Die Massenproteste gegen ein milliardenschweres, geplantes Luxus-Tourismus Ressort in verdichten sich seit Tagen zu einer Bewegung gegen die Regierung und die Korruption im Lande.

Seit dem 5. Juni demonstrieren Tausende, teilweise Zehntausende täglich in Tirana und anderen Städten des Landes. Die Regierung Rama antwortete auf die Aktion zuerst damit, diese als kleine wirre Minderheit hinzustellen, mittlerweile greift sie neben Lügen und Diffamierung zu Repression. So wurden in den letzten Tagen Wasserwerfer und Tränengas eingesetzt.

Der Auslöser der Proteste und die Beziehungen zu den USA

Längst richten sich die Proteste nicht nur gegen das vier Milliarden schwere Luxus-Ressort  von Jared Kushner und Ivanka Trump, an dem auch Investoren aus Qatar und ein lokaler Oligarch beteiligt sind. Ihre Investmentfirma Affinity Partners plant die Errichtung von Hotels mit 10.000 Zimmern, Villen und einen Jachthafen für wohlhabende Tourist:innen auf der Insel Sazan. Außerdem will er auch den Strand am gegenüber liegenden Festland ausbauen. Dumm nur, dass dieser an das Naturschutzgebiet Vjosa-Narta an der Adria-Küste grenzt und die Narta-Lagune direkt zwischen diesen liegt. Dieser ökologisch sensible Abschnitt beherbergt seltene wie Flamingos, Robben und Meeresschildkröten. Der Fluss Vjosa ist als einer der letzten unverbauten Flüsse Europas bekannt und konnte erfolgreich gegen die Eindämmung zur Stromgewinnung verteidigt werden. Erst 2023 wurde der gesamte Flusslauf innerhalb Albaniens zum Nationalpark erklärt. Eigentlich läuft das Prüfungsverfahren bezüglich Umweltverträglichkeit des Bauvorhabens noch, doch seit Mai haben die Bauarbeiten dennoch begonnen. Mit freundlicher Hilfe der Regierung Rama wurden schon 2025 gesetzlichen Vorschriften zugunsten von Affinity Partners geändert.

Dass Kushner und Trump ihr Projekt so leicht durchziehen können, wirft auch ein Schlaglicht auf die enge Verbindung der albanischen Regierung zum US-Imperialismus. Das Land gehört zum illustren Kreis der Vollmitglieder von Trumps „Board of Peace“. Da soll eine Milliarden-Investition an einigen ökologischen Vorschriften nicht scheitern, zumal der Schwiegersohn des US-Präsidenten Albanien eine komplett neue Stadt an der Lagune verspricht.

Nein zu Korruption und Ausverkauf!

Das Projekt und dessen Begünstigung durch die Regierung stehen zugleich beispielhaft für die grassierende Korruption im Land. So soll auch die Infrastrukturministerin und stellvertretende Regierungschefin Belinda Balluku Unternehmen bei Großaufträgen bevorzugt haben. Doch trotz Forderungen der Anti-Korruptionsbehörde und Protesten im Februar 2026 weigerte sich die regierende Sozialistische Partei, ihre Immunität aufzuheben. Auch wenn Balluku Ende Februar aufgrund des Drucks aus der Regierung ausschied, so lehnte das Parlament weiter ihre Verhaftung ab.

In den letzten Jahren wurden immer wieder führende Mitglieder der seit 2013 regierenden Sozialistischen Partei, die aus der einstigen stalinistischen „Partei der Arbeit“ hervorging und heute Mitglieder der Sozialistischen Internationale ist, der Korruption beschuldig und teilweise angeklagt. Wie auch schon seine konservativen, aus der Demokratischen Partei kommenden Vorgänger, die eng mit der Europäischen Volkspartei verbunden ist, versprachen auch die Sozialistische Partei Ramas „endgültig“ mit der Korruption aufzuräumen.

Allein, dass dies nicht gelang, liegt nicht nur an der engen Verbindung beider Parteien mit dem Staatsapparat, der Geschäftswelt und dem US-amerikanischen wie europäischen Imperialismus. Die Korruption ist letztlich selbst Ausdruck der kapitalistischen Restauration nach dem Sturz des Stalinismus in seiner hoxhaistischen Spielart. Die kapitalistische Restauration ging notwendigerweise mit kriminellen Formen der Privatisierung und Plünderung des ehemaligen Staatseigentums einher. Nur so konnte eine neue, vom westlichen Imperialismus abhängige kapitalistische Klasse geschaffen werden.

Daher ist es natürlich reine Demagogie, wenn sich die bis 2013 regierende Demokratische Partei und die von ihr dominierte parlamentarische Opposition als Anti-Korruptions-Truppe aufspielen will. Sie war vor 13 Jahren genau wegen ihrer Korruption abgewählt worden. Das strittige Investitionsprojekt wird von ihr sowieso unterstützt. Auch nutzen nicht nur die USA dieses Netzwerk der Vetternwirtschaft. Die EU fordert zwar für den Beitritt Albaniens endlich mit der Korruption aufzuräumen, doch die ökonomische Abhängigkeit des Landes von der EU reproduziert diese immer wieder. Albanien exportiert im wesentlichen Agrargüter und Rohstoffe, und diese vor allem in die EU und hier vor allem nach Italien. Dazu kommen Hunderttausende von Arbeitsimmigrant:innen, die pro Monat an die 100 Millionen € in die Heimat überweisen. Der Bankensektor wird von der österreichischen Raiffeisen-Bank beherrscht. Die fehlende industrielle Basis und Infrastruktur versucht das Land durch die Tourismusindustrie wettzumachen, die in den letzten Jahrzehnten tatsächlich massiv anstieg und für das Wirtschaftswachstum des Landes zentral verantwortlich ist. So stieg die Zahl der Übernachtungen von 588.000 im Jahr 2004 auf 5,5 Millionen im Jahr 2021, davon über 4 Millionen aus dem europäischen Ausland.

Protestbewegung und ihre Perspektiven

Die Proteste im Land richten sich berechtigerweise gegen Korruption, Misswirtschaft. Das Luxus-Ressort von Kushner/Trump symbolisiert dabei schreiend den tiefen sozialen Riss, der auch die albanische Gesellschaft durchzieht. Das Vorgehen der Regierung wie die Brutalität der Schutztruppe auf dem Baugelände waren der berühmte Tropfen, der dass Fass zum Überlaufen brachte. Vor dem Hintergrund von Niedriglöhnen und Perspektivlosigkeit für die Jugend, die sich Arbeit in Europa und der Welt suchen muss, wirken die korrupten Deals der Milliardär:innen besonders obszön und provozierend. Längst erschallt in Tirana und anderen Städten die Forderung „Rama muss weg“. Unklar ist jedoch, wer ihn ersetzen soll.

Neben der Sozialistischen Partei und der Demokratischen Partei hat in den letzten Jahren Levizja Bashke (LB; Gemeinsame Bewegung) versucht sich zu etablieren und ist erstmal mit je einem Mitglied im Parlament und in der Stadtversammlung von Tirana vertreten. LB bemüht sich wegen dem sehr starken Antikommunismus in Albanien – ein Erbe von Enver Hoxha – sehr um ein nicht-kommunistisches Image, verzichtet z. B. sehr opportunistisch auf öffentliche Solidarität mit Palästina und konzentriert sich auf ökonomische und demokratische Forderungen. LB könnte zwar von den Massendemonstrationen profitieren, aber bisher ist noch nicht sichtbar, dass sie ihr Profil links schärft, zB die Solidarität mit Palästina mit dem Kampf gegen Rama und den Trump-Clan verbindet. So ruft LB zwar auch zum Sturz von Rama auf und zu täglichen Aktionen im ganzen Land, aber hat keinen Hebel angesetzt, wie dieser Kampf eine politische Perspektive erhalten kann.

Wie in anderen Ländern des Balkans – z. B. in Serbien und Bulgarien – entsteht auch in Albanien eine gegen die Korruption, gegen den wachsenden Autoritarismus des Regimes gerichtete Protestbewegung.

Politisch ist und bleibt sie diffus und setzen zumindest teilweise auf den Druck der EU, um gegen die Regierung vorzugehen. Diese Illusionen bedeuten keineswegs, dass sich Revolutionär:innen und Sozialist:innen von der Protestbewegung verabschieden sollen, aber sie müssen entschieden vor diesen Illusionen warnen. Anders als die Proteste in Serbien und Bulgarien können die Proteste nicht nur Albanien aus seiner politischen Passivität herausholen, sondern sich auch mit den Bewegungen in anderen Ländern verbinden. Dieser Kampf hat schon von Beginn an eine deutlich internationalere Dimension als die Kämpfe in Serbien oder Bulgarien.

Es liegt auch an der internationalen Linken zu zeigen, dass die  Zukunft Albaniens nicht darin liegt, ob sich das Land dem US-Imperialismus oder der EU unterordnet, sondern im gemeinsamen Kampf gegen alle Flügel der herrschenden Klasse und ihre imperialistischen Verbündeten. Denn der Kampf gegen Korruption, gegen Vetternwirtschaft, gegen Autoritarismus kann letztlich nur erfolgreich sein, wenn er sich auch gegen das System wendet, das sie notwendigerweise hervorbringt: gegen den Kapitalismus!